Elbjazz 2014 – Viele, viele Besucher, eine Menge Top-Konzerte und ein wenig Unwetter

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(CIS-intern) – Was für ein Jubiläum! Spätestens nach dieser Ausgabe des ELBJAZZ Festivals steht fest: Mehr Hamburg geht nicht! Wenn das bei Blohm+Voss im Dock liegende Kreuzfahrschiff QUEEN ELISABETH zur Kulisse wird und sich nicht nehmen lässt, die Konzerte von Dianne Reeves und Gregory Porter mit ihrem Schiffshorn einzuleiten, dann weiß man: Schöner lässt sich der Hamburger Hafen musikalisch nicht inszenieren – und auch die Unwetterwarnung am Samstagabend konnte daran nichts ändern.

Mehr als 60 Konzerte von Musikern, deren Spielfreude – egal ob Newcomer oder Legende – in jedem Moment spürbar war. 10 großartige Locations – vom Schaufelrad-Dampfer über ein Kirchenschiff bis hin zum Werftgelände von Blohm+Voss – von denen jede einzelne über einen ganz individuellen Charme verfügte. Und mehr als 15.000 Besucher, die je nach Konzert andächtig lauschten oder ausgelassen tanzten und deren Begeisterungsfähigkeit nicht nur die Künstler auf den Bühnen, sondern den ganzen Hafen zu erfassen schien.

Foto: Foto by Christian Spahrbier – www.spahrbier.de

Bei der fünften Auflage des ELBJAZZ Festivals im Hamburger Hafen, das am Freitag, dem 23. Mai, startete und am heutigen Sonntag seinen Ausklang fand, passte einfach alles. Selbst der Wettergott schien seine Liebe zum Jazz wiederentdeckt zu haben: Pünktlich zu den ersten Tönen vom Andromeda Mega Express Orchestra, das das ELBJAZZ Festival 2014 auf der Hauptbühne bei Blohm+Voss eröffnete, schloss der Himmel seine Schleusentore, die Wolkendecke riss auf und die Sonne behielt nahezu während des gesamten Festivals die Oberhand. Beflügelt von der besonderen Magie des Hafens und der ELBJAZZ-Spielorte, der musikalischen Vielfalt und den angenehmen Temperaturen bis spät in die Nacht, ließ sich das bunt gemischte Festivalpublikum nur allzu gern auf das ELBJAZZ-Prinzip des Erkundens und Entdeckens ein, enterte immer wieder Barkassen und Shuttlebusse, um zwischen den Bühnen zu pendeln und auch bei unbekannten Künstlern „anzudocken“. Daran konnten auch die Wetterkapriolen am Samstagabend, die für zwei Stunden Regen und starken Wind brachten und zu einigen Änderungen im Konzertplan führten, nichts ändern. Das lag sicherlich auch daran, dass es das dargebotene musikalische Programm in puncto Vielseitigkeit locker mit dem Wetter aufnehmen konnte und für jeden etwas bereithielt – hier nur einige Beispiele:

Nachdem die achtzehn jungen Musiker des Andromeda Mega Express Orchestra aus Berlin auf der Hauptbühne bei Blohm+Voss mit ihren komplexen Strukturen und spannenden Melodien den passenden Soundtrack zur aufbrechenden Wolkendecke geliefert hatten, folgte ein paar Meter weiter die Weltklasse-Perkussionistin Marilyn Mazur, die sich unter dem Namen “Spirit Cave” einige der besten und wagemutigsten Musiker Norwegens auf die zweite Open Air-Bühne “Am Helgen” geladen hatte. Gemeinsam mit Trompeter Arve Henriksen, Gitarrist Eivind Aarset und dem produzierenden Soundtüftler Jan Bang schuf die ehemalige Miles-Davis-Musikerin ein komplett improvisiertes Programm, das oft genug den süßesten “Bitches Brew” im Nachgeschmack hatte.

Mit zweien dieser Musiker, nämlich Aarset und Bang, verzauberte eine Stunde darauf die norwegische Sängerin Rebekka Bakken auf derselben Bühne mit elegischen, kristallklar gesungenen Folk- und Seelen-Songs. Ein herrlich beruhigendes, berührendes Konzert und das stimmungsvolle Kontrastprogramm zum überbordenden Auftritt der amerikanischen Jazz- und Soul-Diva Dianne Reeves. “This is an incredible festival!” rief die Sängerin dem begeisterten Publikum vor der rappelvollen Hauptbühne zu. Ein Kompliment, das ihr die Besucher einhellig zurückgaben: was die 57-jährige stimmlich und gesanglich zu bieten hatte, war eindeutig unglaublich.

Während der israelische Bassist Avishai Cohen die Menge in der bis zum letzten Platz gefüllten Maschinenbauhalle noch zu Standing Ovations rührte, sorgten die Dirty Loops auf der Bühne “Am Helgen” für eines der kraftvollsten und beeindruckendsten Konzerte des Festivals. Wie die drei jungen Schweden, angeführt von einem Leadsänger, der zu gleichen Teilen Freddie Mercury, Michael Jackson und Stevie Wonder sein wollte, Pop-Songs zersetzten und eigene AOR-Hits abfunkten, versetzte ihre Fans in ekstasenahe Zustände.

Zum Abschluss auf der Hauptbühne brachte der Spoken-Word-Energiker Anthony Joseph gegen Mitternacht ein gutes Stück karibischer Lebenslust unter die beseelten Hamburger.

Auch auf der anderen Elbseite, in der HafenCity, strotzte bereits der Freitag vor echten Konzert-Perlen: Zwei amerikanische Gitarristen sind zur Zeit besonders begehrt, wenn prominente Jazzer ins Studio oder auf Tour gehen: Nir Felder, der mit eigener Band gleich zwei Konzerte gab und dabei so beeindruckte, dass viele, die ihn in der Maschinenbauhalle entdeckten, zur MS Stubnitz wechselten, um ihn ein zweites Mal auf der Bühne zu erleben.

Lionel Loueke, ursprünglich aus Benin (Westafrika), mittlerweile in New York lebend und beim berühmten Blue Note Label unter Vertrag, fand in der Kirche St. Katharinen für jeden Song einen eigenen Sound und passte souverän die Stile wechselnd bestens zur Band des Weltmusikers Oran Etkin, der vor allem mit der Bassklarinette beeindruckte.

Absolutes Highlight unter den Kirchenkonzerten war am Freitag der Auftritt des italienischen Pianisten Stefano Bollani. Auch mit der NDR Bigband am Samstag gelang ihm ein mitreißender Auftritt, aber was er um Mitternacht in St. Katharinen bot, stellte klar, dass er solo am Klavier derzeit spannender und zugleich unterhaltsamer ist als selbst die namhaftesten Kollegen. Ob als Romantiker oder Avantgardist, mit hochvirtuoser Spielkultur oder bei einem haarsträubenden Medley aus vom Publikum gewünschten Songs: Bollani ist stets Vollblutmusiker mit Entertainerqualitäten.

Hugh Masekela wollte mit seinem gesanglich begabten Hamburger Publikum auf Tournee gehen, politische Krisenherde besuchen und mit klarer “Stop that shit”-Botschaft seinen politischen Ambitionen Ausdruck verleihen. Mit 75 Jahren hat der Sänger und Trompeter aus Südafrika nichts an Ausstrahlung eingebüßt. Beinahe hätte ein fasziniertes Publikum ihm sogar die Story abgekauft, dass er eigentlich Klaus heißt und aus “Wuurzburg” stammt.

TanzBARE Musik gab es häufig zu hören auf dem Festival. YE:SOLAR schalten zwei Gänge höher. Zum Glück im tiefen Bauch der MS Stubnitz, denn da geht die Sache nicht gleich durch die Decke, wenn die drei Jungs aus Berlin schon beim ersten Song ihre Fans hypnotisieren. Heftiger als die Berliner groovt schlicht niemand. Und was “Random Rhodes” an den Keyboards improvisiert, bewies schon 2012 selbst Traditionalisten: Es gibt Jazz, zu dem KANN man nicht tanzen – man MUSS.

In die gleiche Kategorie gehört auch der Auftritt des Fresh Dixie Project, der auf der Hauptbühne bei Blohm+Voss für einen launigen Einstieg in den Festival-Samstag sorgte. Mit swingenden und groove-betonten Arrangements von Standards wie “Summertime” und eigenen Stücken machten die fünf blutjungen Briten beste Stimmung. Nicht nur die Tatsache, dass der charismatische Lead-Sänger auf den Vornamen Jamie hört, ließ manche positive Vergleiche zu einem gewissen Herrn Cullum ziehen. Dieses internationale Debüt des The Fresh Dixie Project dürfte der Startschuss für eine große Karriere sein.

Dass Ulita Knaus schon im Vorwege in der Presse als Highlight des diesjährigen ELBJAZZ Festivals angekündigt wurde, zahlte sich aus. Einlassstopp an der Maschinenbauhalle – sowohl der Hamburger Bürgermeister als auch einige der Hauptsponsoren genossen den ebenso tief berührenden wie hochkarätigen Auftritt der Hamburger Sängerin und ihres perfekt eingespielten Ensembles stehend in der mucksmäuschenstillen Menge. Eine wahre Sternstunde des modernen Vocal Jazz – internationales Niveau aus Hamburg.

Das Debüt des finnischen Saxofonisten Timo Lassy mit seiner grandiosen Band sorgte für eine sagenhafte Soul-Jazz-Party vor der Hauptbühne. Dass unmittelbar vor ihrem Auftritt eine Unwetterwarnung (mit Windstärke 9 und Hagel!) verkündet wurde, stachelte die modernisierenden Traditionalisten scheinbar nur zu noch größeren musikalischen Höhenflügen an.

Girls In Airports, die dänische Überraschung des letztjährigen Festivals, ließen anschließend auf der Bühne “Am Helgen” ihre Grooves so sagenhaft schweben, dass kaum einer der begeisterten Zuhörer die ersten Regentropfen bemerkte. Vielleicht war es doch ein Omen, dass Dianne Reeves bei ihrem zweiten Auftritt am Samstag in der Maschinenbauhalle gleich zu Anfang “Stormy Weather” sang? Vielleicht sorgte auch die Hitze ihres elegant erwärmten Publikums in der voll gefüllten Halle dafür, dass es anschließend zwar zu regnen anfing, aber der große Sturm nur auf der nördlichen Elbseite tobte. Während Gullydeckel durch die Hafencity flogen und der Fährverkehr zeitweise eingestellt werden musste, fanden die Besucher bei Blohm+Voss Wetterschutz auch unter dem Party-Zeltdach vor er Bühne “Am Helgen”. Man ließ Petrus etwas länger toben und verschob den Auftritt von Gregory Porter eine gute Stunde hinter die Wetterkapriolen. Gegen 23 Uhr konnte der Meister mit der Mütze endlich zeigen, was er kann: diese Stimmkraft, diese Energie, diese Wärme und Wucht in der Stimme – einzigartig und zu recht dankbar vom Publikum aufgenommen, bei Balladen wie “Hey Laura” – egal wie schief dabei einige junge Damen im Publikum mitsangen – ebenso wie bei seinem faszinierenden Hit “1960 What?”.

Überraschungssieger des Samstagabends war für diejenigen, die anschließend noch vor der Hauptbühne ausharrten, die amerikanische Supergroup Snarky Puppy. Was die neun jungen Musiker noch bis zwei Uhr morgens auf die gut 2.000 Besucher losließen, erinnerte oft an große Vorbilder wie Frank Zappa, Steely Dan oder The Meters. Sie zitierten New-Orleans-Funk oder Balkan-Beats, dabei war ihre Musik so originell gemacht und so fantastisch gespielt, dass es manchem zwar die Sprache verschlug, aber alle zum Tanzen brachte. Ein echtes Highlight und der perfekte Abschluss für das diesjährige ELBJAZZ Festival.

Das eindeutige Fazit für ELBAZZ 2014 kann daher nur lauten: Aller guten Dinge sind 6, 7, 8…! Wer die 5. ELBJAZZ-Ausgabe verpasst hat, braucht sich nicht zu grämen: Auch im nächsten Jahr wird es Ende Mai entlang der Elbe wieder heißen: Hafen – Hamburg – Jazz – beim ELBJAZZ Festival 2015. Infos dazu in Kürze unter www.elbjazz.de

PM: elbjazz festival

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